Seelsorge und Achtsamkeit

Christoph Kunz
 

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Ziellose Liebe
Billy Collins
(aus dem Amerikanischen von Ron Winkler) 

Heute Morgen, als ich am Ufer des Sees entlanglief,
verliebte ich mich in einen Zaunkönig
und später am Tag in eine Maus –
die Katze hatte sie unter den Esszimmertisch gelegt. 

Im Dämmerlicht eines Herbstabends verliebte ich mich in eine Näherin,
an ihrer Maschine noch im Fenster der Schneiderei,
und später in eine Schüssel Brühe,
Dampf stieg auf wie Qualm bei einer Seeschlacht. 

Das ist die beste Art zu lieben, dachte ich,
ohne Wiedergutmachungen, ohne Geschenke
oder unschöne Worte, ohne Misstrauen
oder Schweigen am Telefon. 

Die Liebe zu einer Kastanie, einer coolen Mütze
und der einen Hand am Lenkrad. 

Ohne Begierde und Türenschlagen
die Liebe zu einem Bonsai-Orangenbaum,
einem sauberen weißen Hemd, einer heißen Dusche am Abend,
dem Highway, der durch Florida schneidet. 

Kein Warten, keine Gereiztheit oder Verbitterung –
nur ein Stechen dann und wann 

für den Zaunkönig, der sein Nest
auf einem niedrigen Ast über dem Wasser baute,
und für die tote Maus,
weiterhin in ihren hellbraunen Mantel gekleidet. 

Doch mein Herz auf seinem Stativ
auf freiem Feld erwartet
immer schon den nächsten Pfeil. 

Nachdem ich die Maus an ihrem Schwanz
zu einem Laubhaufen im nahen Wald brachte,
ertappe ich mich am Waschbecken im Bad,
wie ich verzückt auf die Seife starre, 

so duldsam und auflösbar,
so zu Hause in ihrer blassgrünen Seifenschale,
dass ich mich schon wieder verliere,
sobald meine nassen Hände ihr Glitschen fühlen
und mir der Duft von Lavendel und Stein in die Nase steigt.